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Erste und Letzte


Der prominenteste Kabbalist, Jesus von Nazareth, wirft als A und O beständig die Frage auf, was eigentlich hinter seiner Bemerkung im Matthäusevangelium steckt, die Ersten werden die Letzten sein und die Letzten werden die Ersten sein.

 

Mit narzißtischem, zusammengewürfeltem Weithergeholten zum klärenden Erörtern wollen wir uns, obwohl typischerweise das Weithergeholte gerade hier der übel willkommene Anlaß zu schier endlosen, eskapistischen Betrachtungen wäre, natürlich nicht aufhalten.

 

Als Kabbalist par excellence vertraute Jesus, der selbst überhaupt keine erhellende Erläuterung zu seinem Erwähnen der Ersten und der Letzten mitlieferte, gewissenhaft darauf, daß seinen faszinierten Hörern der Sinn ohnehin klar war – denn schließlich wandte er sich stets an Leute, die, wie er, auf der erläuternden Tradition der vom Ewigen, dem ewig unveränderlichen Kabbalisten, gestifteten Tora fußten.

 

Und in der schaubrothaften Tora finden wir ohne gewaltsames, schmerzendes Kopfzerbrechen die schlüssige Erklärung dafür, wieso die Ersten die Letzen und die Letzen die Ersten sein werden.

 

Mose forderte drei der zwölf israelitischen Stämme – Ruben, Gad und den halben Stamm Manasse – freundlich, aber ultimativ dazu auf, sich gefälligst nicht ihren sozialen Verpflichtungen gegenüber der Allgemeinheit zu entziehen.

 

Diese drei Stämme, welche die für ihre umfangreiche Viehzucht brauchbaren Landstriche bereits vor dem Überqueren des Jordan gefunden hatten, beabsichtigten, in ihren nunmehr eigenen, fruchtbaren Bodenbesitzungen zu verharren und schlusig den lieben Gott einen guten Mann sein zu lassen.

 

Was allerdings für das gesamte israelitische Volk dringlichst anstand, war, nach dem bevorstehenden, westwärtigen Überqueren des Jordan, das gemeinsame Erkämpfen des gelobten Landes. Wozu selbstredend auch die Stämme Ruben, Gad und Manasse gebraucht wurden. Die, besonders ins Gewicht fallend, den übrigen Israeliten dabei sogar vorauszuziehen hatten.

 

Mose machte also diesen drei Stämmen klar, welches verheerende Unheil entstehen würde, sollten sie sich von den übrigen Israeliten absondern, nur um in ihren Besitzungen vermeintlich glücklich zu werden – nämlich nach bereits durchlatschten 40 zusätzlichen Jahren der lehrreichen, entertainmentbeschwingten Wüstenstrafwanderung für alle nochmals 40 wüstenhaft besinnliche Wanderjahre!

 

Wie wir erfreulicherweise wissen, kam es jedoch nicht zu der harschen Gesamtbilanz von 80 Wüstenwanderungsjahren - da die Stämme Ruben, Gad und Manasse einlenkten und somit bereit waren, gemeinsam mit den übrigen Israeliten das gelobte Land zu erobern.

 

Der segensreiche Deal bestand darin, daß Ruben, Gad und Manasse nach dieser gemeinschaftlichen Exkursion ostwärts zurück über den Jordan gehen durften, um dann, eben nachdem das gelobte Land von ganz Israel eingenommen worden war, endlich ihre ursprünglich gefundenen, fruchtbaren Landstriche zu bewohnen.

 

Hier also waren die Ersten – Ruben, Gad und Manasse – zugleich die Letzten, die ihr persönliches Leben in verdienten Angriff nehmen konnten; umgekehrt waren die übrigen israelitischen Stämme die Letzten, die ihre persönlichen Lebensumstände ordnen konnten, und gleichzeitig die Ersten, die sich in ihren lebensfreundlichen Landstrichen einrichten konnten.

 

Soziales Verantwortlichsein, gelehrig der Tora entnommen, führte ergo zu den Jesusworten, daß die Ersten die Letzten und die Letzten die Ersten sein werden.

 

Warum, mögen Sie als angeregte Kabbalisten fragen, waren es aber ausgerechnet drei und nicht etwa ein einziger Stamm, die veranschaulichend in der Tora aufgeboten werden?

 

Wie stets kann ich Ihnen auch hierzu nur meine ganz persönliche Meinung andrehen.

 

Für mich verweist die Dreizahl der Stämme auf den 3. Schöpfungstag – der davon gekennzeichnet ist, daß erstmals betretbares, trockenes Land unter den Füßen der noch gar nicht existierenden Menschen auftauchte.

 

Und würden die Ersten nicht die Letzten sein und die Letzten nicht die Ersten – dann gäbe es unter unseren Füßen nichts als unsoziale Bodenlosigkeit.

 

Vielleicht schadet es nicht, ergänzend zu reflektieren, wieso Jesus bei seinem Wort von den Ersten und den Letzten – auch abgesehen davon, daß der Sinn seiner Worte durch die allen geläufige Tora erhellt wurde – keine aufopfernde Erläuterung mitlieferte.

 

Er wäre – immerhin geht es in der Tora um die überwindende Landnahme – von den Römern als offenkundiger Terrorist stante pede an die Wand gestellt worden.

 

Doch mit seiner erlösenden Erhöhung am heidnischen, heute erinnerungsfeindlichen, schrottigen, talismanmorschen, modeschmuckkitschigen Kreuz eilte es noch nicht; die Ersten wurden erst hierdurch die Letzten und die Letzten erst hierdurch die Ersten.

 

Kommen Sie mir nicht damit, daß Sie nun kabbalistisch überfordert wären – die Tradition des Ewigen, des ewig unveränderlichen Ersten und Letzten, bietet jedem Platz.

 

Und daß Gott nicht würfelt, wissen wir exklusiv von dem neuzeitlichen und ebenfalls immer aktuellen Kabbalisten Albert Einstein.

 
 

 

 
Michael Velten